Auch Tarragona ist eine Reise wert

Lyon war ausgemachtes Zwischenziel unserer diesmaligen Spanienreise. Zwei Tage später holen wir dann den Besuch des Musée d’Art Moderne de Céret nach. Jetzt entscheiden wir uns noch für Tarragona. Es erweist sich, das gestresste Barcelona links liegen lassend, als lohnende katalanische Zwischenstation ins Land Valencia.

Natürlich warten bis Tarragona weitere Stationen auf uns: Auf der spanischen Seite des Col d´Ares besuchen wir wiederholt die Pfarrkirche Santa Cecílla de Mollò. Einer Märtyrerin und römischen Jungfrau geweiht, ist sie heute nationales Denkmal romanischer Architektur der katalanischen Pyrenäen (Ende 12. Jh.).
Die pure Besichtigung eines solchen Denkmals ist das eine. Die Gedanken drum herum das andere. Allein sein an solchen abgelegenen Orten bald tausendjähriger Geschichte ist immer ein kleines Erlebnis für sich.

Wer alles stieg wohl und wie mühsam und warum diese granitenen Stufen empor? Man fühlt sich a bisserl als Teil dieser Geschichte.

Die Kirche wird zwei Mal zerstört: 1428 durch ein Erdbeben, 1939 brennt sie während des Rückzugs der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg aus. Dann dient sie als Stall und wird, wieder aufgebaut, Nationaldenkmal. Ein würdiger Schritt.
Allein in ungestörter schlichter Romanik ohne Schnörkel
Im Kirchengarten dann diese transparente, recht neuzeitliche Innovation: Das Windrad signalisiert katalanischen Erfindergeist. Vermutlich ist es als Vogelscheuche von Nutzen und schützt die dort wuchernden wohlriechenden Gewürze.
Das katalanische Ripoll erinnert uns an vorausgehende Stunden im geografisch eigentlich kongruenten französischen Kunststädtchen Céret. Dieses leicht und beschwingt, trotz der ebenfalls nahen mächtigen Pyrenäen. Jetzt die kleine Stadt in den katalanischen Vorpyrenäen eher schwer und schwerfällig.

Kunst und gutes Marketing beflügeln offenbar. Vermutlich beeindruckt Céret auch mit der Ausstrahlung seines Hausbergs, dem symbolträchtigen Olymp der Katalanen, dem Canigou. Dort weht die katalanische Flagge souverän und eindrucksvoll, aber erträglich mit Abstand anstatt problemgeladen an jeder Ecke mancher katalanischer Pueblos.
Via Vic und vorbei an Barcelona kommen wir spät abends in Tarragona an. Auch katalanisch, aber anders. Das Mittelmeer am Horizont erscheint unheimlich, aber vertraut.
Schattenspiele in echt …
… und als Graffiti – selbst der Fotograf macht mit
Menschenleere aber heimelige Gassen und Plätze
erfreulicherweise ohne politische Bekundungen
Dörflich persönlich anmutendes Leben in den wenigen Lokalen. Wir kommen uns beinahe als Eindringlinge vor.
En esta carnicería, la combinación de jamón serrano, estilo y diseño impresiona
Die Tauben haben ihren vermutlich angestammten Schlafplatz auf Haupt und Schulter ihrer Skulptur gefunden.

Die Kathedrale St. Marien (katal. Catedral Basílica Metropolitana i Primada de Tarragona) steht beeindruckend auf einem Hügel – eingezwängt und doch mächtig inmitten der Stadt, an der Stelle eines römischen Tempels. Nach romanischem Beginn im frühgotischen Stil errichtet bleibt sie wegen der Pest unvollendet.
Schwalben holen als Skulpteure Unvollendetes romanisch schlicht nach
Als wir vor Jahren am Hafen das renommierte Fischrestaurant L´Ancora genießen sah hier alles anders aus. Nach schwierigen Bauarbeiten, direkt am Meer, hat das Viertel Serrallo jetzt ein beeindruckend markantes Gesicht – wie wenn es immer schon so gewesen wäre. Städtebaulich vorbildlich, freut sich HDM.

Zu den Besonderheiten Tarragonas gehört, dass die Stadt weder ein offizielles Wappen noch eine offizielle Fahne besitzt. Also keine direkte visuelle Unterstützung der dennoch starken Stadtmarke. Das überzeugende Produktmix https://www.hdm-marketing.de/marketing-uebersicht/der-marketing-mix-und-seine-instrumente/ macht´s, sind wir überzeugt!
An alten Wänden sind stadtbezogene Graffiti entstanden
Wunderschön ausgearbeitet in Schwarz und Weiß
Vergangenheit und Traditionen werden einfühlsam genutzt und gewürdigt
Fischertraditionen
Weiter gehts. Auf unseren Fahrten kommen wir am Ebro (kat. Ebre) auch diesmal nicht ohne einen gehörigen Halt vorbei. So zu reisen macht Spaß und soll bilden, weiß man spätestens seit JWvG. Bei wiederholten Besuchen dies sogar in Potenz, meinen wir. Das Land so noch besser verstehen, um ihm einigermaßen gerecht zu werden.

HDMs Faszination für den Rio Ebro entsteht früh. Aus dem Erdkunde-Unterricht in der Balinger Volksschule bleiben fünf große Flüsse haften: Guadiana, Guadalquivir, Tajo, Duero und eben der Rio Ebro. Mit seinen knapp tausend Kilometern ist er nach dem Tajo der zweitlängste Fluss Spaniens. Damals scheinbar unerreichbar weit entfernt, heute ein höchst erlebenswertes Ziel.

Der Fluss windet sich durch recht niederschlagsarme Landstriche südlich der Sierra Cantabrica und der Pyrenäen. Von der feuchten Atlantikluft abgeschnitten ist Landwirtschaft hier ausschließlich mit seinem Wasser möglich. Das sorgt bis heute regelmäßig für Streit zwischen den anliegenden Comunidades.

Diesmal erfahren wir, dass und wie das uns vertraute faszinierende Biosphärenreservat, die Halbwüste Bardenas Reales, durch extreme Erosionen aus dem Urstromtal des Ebro entstanden ist.

Dann noch Geschichtserinnerungen zur Schlacht am Ebro gegen Ende des Spanischen Bürgerkriegs:

Bald nach dem Vordringen der Putschisten um Franco zum Mittelmeer und zu unserer südlich liegenden Landeshauptstadt Valencia in 1938 wird Katalonien vom noch republikanischen Südosten Spaniens abgeschnitten. Ein entscheidender Erfolg der Nationalisten, nicht zuletzt durch die brutale Unterstützung der deutschem Legion Condor.

Die Diktatur hält dann bis zu seinem Tod in 1975. Bis heute ist diese Zeit noch nicht ausreichend aufgearbeitet. Auch der brisante Katalonienkonflikt hat hier mit seine Ursprünge.
Zurück zur Natur: Das Ebro-Delta ist das Schwemmland um die Mündung ins Mittelmeer. Neu ist uns dieser Zusammenhang: Nach der Entdeckung Amerikas boomt der Schiffbau. Durch den hohen Holzbedarf werden große Waldflächen gerodet. Die höhere Erosion führt zu mehr Ablagerungen von Sedimenten im Mündungsgebiet und zu einem beschleunigten Wachstum der Delta-Ebene.
Eine gegensätzliche Bewegung gibts dann im 20. Jahrhundert: Durch den Bau zahlreicher Talsperren verringert sich die Ablagerung von Sedimenten. Auch aufgrund des ansteigenden Meeresspiegels ist die praktisch deichlose Delta-Landschaft heute, lt. Expertenmeinung, bedroht. Offenbar machen auch die illegalen Einwanderer Blaukrabbe und Louisianakrebs Sorgen.
Der Reichtum an Zandern, Barschen, Aalen und Welsen bietet Fischern bis heute die Lebensgrundlage. Auch die Zucht von Muscheln an künstlich angelegten Muschelbänken. Jedoch, auf drei Vierteln der Fläche wird Reis angebaut. Vor der Reisernte, im Sommer, bedecken leuchtend grüne Reispflanzen das Delta. Diverse Arten Rundkornreis werden unter einer geschützten Herkunftsbezeichnung vermarktet. Natürlich sind sie für die traditionellen spanischen Reisgerichte besonders geeignet.
Der Reis für diese Begrüßungs-Paella (drei Tage später) unseres nachbarlichen Freundes Pascual und seiner Marie kommt allerdings aus unmittelbarer Nähe, dem Marjal Pego-Oliva
Vorarbeit für die nächste Reisernte am Ebro
1983 wird etwa ein Drittel des Deltas Parc Natural del Delta de l’Ebre
Es ist ein artenreiches Brut- und Rastgebiet zahlreicher Vogelarten und dient Zugvögeln aus dem Norden zum Überwintern
Mittendrin im Delta, in der Bar von Deltebre
HDM ziehts zur Mündung in ihrer ganzen ruhenden Pracht!

Die Fließgeschwindigkeit des Ebro verringert sich nahe am Mittelmeer praktisch auf null. Die letzten besonders feinkörnig erodierten Sedimente aus den Hochlagen der Pyrenäen, des nördlichen Kantabrischen und des südlichen Iberischen Gebirges können sich jetzt noch in Ruhe ablagern.
HDMs Schwärmereien für den Ebro und sein Delta verlangen hier ein paar ausgleichende Notizen und Fotos zu unserem nahen Sumpfgebiet Marjal Pego-Oliva, dem Herkunftsort des Reises unserer Begrüßungs-Paella (siehe oben).

Im Hintergrund links ist Dėnias Montgó erkennbar, in der Mitte die bizarre Sierra Segaria.

Seit 1994 ist das Marjal (span. Sumpf) Naturpark und gilt als eine der artenreichsten Regionen des Mittelmeerraums. Früher eine Salzwasser-Lagune wird es von den Sierras Mostalla, Migdia und Segaria umgeben. Gespeist wird’s von kleinen Flüssen wie dem Rio Bullent. Ein Netz aus Bewässerungsgräben und Kanälen profitiert von Quellen aus unterirdischen Gewässern.

Nach regionalpolitischen Versuchen eines Bürgermeisters, Teile des Gebiets zugunsten von Bauland trocken zu legen, bemüht man sich heute um die Harmonie von traditionellem Anbau hoher Reisqualitäten, z. B. der Sorten Bomba und Bombón, mit der Umwelt. Der Frevel des Alcalde wurde mit dem ersten Umwelturteil Spaniens gerichtlich geahndet. Erzählt wir auch noch die Geschichte als 1985 Walt Disney das Gebiet ernsthaft für seinen europäischen Vergnügungspark erwog.
Natürlich ist hier alles etwas kleiner als im Ebro-Delta, auch die Arbeit zur Pflege des Feuchtgebiets mit seinen riesigen Schilfflächen
‎⁨Noch eins, der Montgó hinter Dénia vom Parc Natural de la Marjal de Pego-Oliva⁩ aus
Scheue Sichler verlangen dem Fotografen Geduld ab
Leichtere Fotografenbeute, direkt am letzten Stück der uns zum Reiseende bringenden Mittelmeer-Autobahn
In Peníscola wollen wir einen letzten Café genießen und wieder mal ein Bild der Festung mit seiner großartigen Aussicht aufs Land und aufs nahe Meer schießen. Der Mangel an geeigneten Parkplätzen erlaubt nur ein Foto während des Fahrens
Häufig machen wir unsere Café-Pausen in kleinen netten Pueblos wie diesem, ein paar Kilometer abseits der großen Straßen. Heute fahren wir weiter, denn gleich sind wir da!
Vertraute Blicke bei unserer Ankunft
Der Wellengang beeindruckt wie immer, wenn auch etwas kühl anmutend
Wow!
In Hafennähe treffen wir gute alte Bekannte auf einer ihrer Lieblingsinseln
Wenn´s auch schon dunkelt, das für manche Leute so wichtige Wetter erscheint versprechend
Anderntags überrascht uns ein Regenbogen

(Denke einen Moment es sei eine Demo für die Igualdad de Género unseres für Bekundungen so rührigen Ayuntamiento … ist aber eher eine Déformation professionelle HDMs …)
Keine Fata Morgana: Wir haben diesmal recht authentische Gelüste nach dem so landestypischen Arroz Meloso de Bogavante unseres Restaurante Rafel de Pego aus dem Reis des nahen Marjal de Pego
Entsprechend ist dann auch die Begrüßung

Kleine Anmerkung: Der besonders aufmerksame Leser erinnert vielleicht den chinesischen Reis und die Wantan-Suppe im Restaurante Pekin – als wir letzten April in Dénia ankommen.

Aber auch die Reiserouten unterscheiden sich schließlich …

Hasta la próxima

Alerta amarilla

In diesen Tagen ist halb Spanien aus dem Häuschen. Wir erleben Wetter pur. Überall heftiger Wind, Böen, Schnee im Norden Atlantik abwärts und natürlich in der Sierra Nevada im Süden. Bei uns am Mittelmeer Sonne pur, ein paar Wölkchen als Zugabe.

Vom für vorgestern endlich gebuchten Mallorca-Trip ab unserem fußnahen Fährhafen hat uns die Baleària ausgeladen. Wir sind stocksauer. Ist doch das Meer glatt, wie wir es von den Calmas de Enero eigentlich kennen.

Dann aber die Nachricht aus rtve! Ob sechs oder neun Meter hohe Wellen ist uns dann ziemlich egal.
380 km Luftlinie westlich, bei uns, das friedliche Mittelmeer vor zwei Stunden
Die Phoenix Palmen, Bootsmasten und Flaggen sind jedoch verdächtig laut und bewegt (habe ein Video versucht, das aber gibt meine Blogtechnik nicht her, sorry)
Die Washingtonia mit Blick auf die Burg wedelt auf ihre Art

Schaun mer mal was noch kommt. Haben auf jeden Fall für nächsten Montag wieder gebucht.

Wie gesagt: Vamos a ver
Und gut dass es noch Wetter gibt
Habs doch noch geschafft … luja sog i

Kleine große Kunststadt Céret

Kunst und Kirschen als USP

Zwei Tage Lyon war ein Höhepunkt unserer letzten Reise ins Land Valencia im November. Anderntags gehts, zuerst der Rhône entlang, bis nach Narbonne. Tags drauf kommen wir spät abends in Céret zwischen dem Languedoc und den östlichen Pyrenäen an.

Schon in der vorausgehenden April-Reise machen wir in Céret Station („España Ida y Vuelta III“). Der Besuch des Musée d´Art Moderne passt aber zeitlich nicht rein. Jetzt holen wir ihn nach.

Hier nochmal das Empfangsfoto in Céret aus dem vorausgehenden Beitrag „Zwischenziel Lyon“
Céret ist die Stadt der Kunst und Kirschen. Gar keine so schlechte Positionierung.

Auch jetzt im November sind die begehrten Vorpyrenäenfrüchte naturgemäß ausschließlich im verarbeiteten Aggregatzustand verfügbar.

Als kleinen Ersatz gibts heute noch ein weiteres, zusätzlich differenzierendes K. Die kleine Kunst- und Kirschenstadt gilt als das Mekka des Kubismus.
Diesmal sehen wir Picasso schon vom Fenster unserer kleinen Pension aus. Er hat das Kubismus-Image mitbegründet.
Die Kunstströmung ist auch durch die vor dem Haus direkt erlebbaren Motive zum Greifen nah
Die Bedeutung des großen Meisters an unserer Hauswand für den Kubismus ist selbst für Laien nicht mehr zu übersehen
Vielfalt
Die Vielfalt seiner Werke, nicht zuletzt das Ergebnis ungeheuren Fleißes und häufiger Spanien-spezifischer Motive verdeckte uns bisher die kubistische Handschrift seiner Arbeit
Der tüchtige Spanier aus dem andalusischen Malaga ist auch im Markt der Gebrauchskeramik nicht zu übersehen – egal ob man die Motive mag oder nicht
Auffällig ist der Stolz beider Protagonisten
Ein friedliches, wenig spektakuläres Stillleben aus dem Jahre 1943
Zwischendurch wundern wir uns urplötzlich über Werke wie das „Porträt eines Franzosen“ von Max Beckmann. Es stammt aus 1933, dem Jahr der Machtergreifung Hitlers.

Später erfahren wir von der Nähe Cérets zum „cosmopolitisme de l’École de Paris“ (Quelle: Gilles Kraemer & Antoine Prodhomme in www.lecurieuxdesarts.fr).

In dieser Bewegung haben sich französische und ausländische Künstler zusammengeschlossen, die in den 60 Jahren nach 1900 in Paris gearbeitet und die Stadt zu einem vorrangigen Zentrum der Kunst erhoben haben.

HDM ist geneigt, hierin eine Dachmarke dieser Künstler zu sehen. Vermutlich sollte sie sogar vor dem ersten Weltkrieg die Künstler von Montparnasse „wettbewerblich“ vom deutschen Expressionismus abgrenzen, so der Kunsthistoriker Adrian Darmon.

Zur Begrifflichkeit Dachmarke, Marke und Brand innerhalb des Marketingmix siehe bitte https://www.hdm-marketing.de/marketing-uebersicht/der-marketing-mix-und-seine-instrumente/
Auch zu Chagall erfahren wir Neues …
Wir denken an die Bedeutung des Lichts (franz. la lumière) für die Maler im heimischen Pfaffenwinkel, an Der Blaue Reiter, Das Blaue Land … auch sie sind, wie die l’École de Paris, markenartige Konstrukte mit unterschiedlichen Zielsetzungen für unterschiedliche Zielgruppen

Zur Erklärung grundlegender Marketingbegriffe siehe u. a. https://www.hdm-marketing.de/marketing-uebersicht/management-prozess/
Voilà la France, das Licht und seine Farben
Dieses Foto möge dem geneigten Leser, in seiner Spannung zwischen Skulptur und Gemälden, Raum für eigene Interpretationen geben
Cérets Fortsetzung der Kunst ins Profane, aber höchst Praktische
Malerische Unterstützung für die Bar Loco (span. auf nette Art „verrückt“)
Die baldige Weiterfahrt führt uns durch Landschaften wie diese
Vorbei an Amélie-les-Bains
‎⁨Prats-de-Mollo-la-Preste⁩
Statt saftigen oberbayrischen Wiesen und – wie ein Stillleben mit Bergkühen
Letztes Foto vor dem nahen legendären wenn auch nicht sehr hohen Col d´Ares

Siehe dazu https://www.hdm-marketing.de/2022/08/18/reise-augenblicke-auf-halbem-weg/
Vielleicht bis zur diesmal letzten Etappe
Machen Sie’s gut!

Die Könige sind los

Wie aus Tausendundeine Nacht:
Die wunderbaren Reyes Magos de Oriente in Dénia

Hier eine kleine aktuelle Foto-Reportage. Denn Fotos kommunizieren schneller als lange Texte, meint der Fotograf …

In Spanien ziehen am Abend des 5. Januar die Heiligen Drei Könige Melchior, Kaspar und Balthasar (Los Reyes Magos Melchor, Gaspar y Baltasar) durch die Städte und Pueblos. Die Kinder sammeln dann begeistert und eifrig die von ihren Thronwagen geworfenen Süßigkeiten.

Die darauf folgende Nacht hat sich seit dem 14. Jh. als die Nacht der Geschenke für Kinder entwickelt. Im nahen Alcoy, um die siebzig Kilometer im Landesinnern nach Westen, gibt es dann 1866 den ersten Cabalgata de Reyes (Dreikönigs-Umzug). Diese Tradition wird auf der ganzen Halbinsel und in den südamerikanischen Ländern übernommen.

Dénias Weihnachtsbeleuchtung zeigt heuer u. a. die Reyes Magos. Der Katamaran ersetzt die Kamele

Früher stellten die Kinder vor dem Schlafengehen, in Erwartung der sie nachts mit Geschenken beglückenden Reyes, Turrón und Sherry vor die Tür. Für die genügsamen Kamele Wasser und trockenes Brot.

Die Tradition auf neuestem Stand

Turrón ist eine meist sehr süße weihnachtliche spanische Köstlichkeit aus Mandeln, Honig, Zucker und Ei. Suchterscheinungen sind für Anfällige nicht auszuschließen.

In den letzten Jahren hat sich die Beschenkung zunehmend zu Weihnachten hin verlagert. Die Faszination der Magos aber bleibt. Ein Trend zur Trivialisierung des Drumherums ist unverkennbar. Im Umzug ist zweckmäßig Aufblasbares auf dem Vormarsch.

Höchst authentisch sind sie: Die Männer und Frauen vom Cruz Roja in Dénia. Auch heute Abend sind sie zur Stelle und für HDM die Könige im Hintergrund des Calbagata. Die Silvesternacht mit ihren feuerwerksbegeisterten Landsleuten haben sie soeben heil überstanden. Ich habe ihnen das erste Bild versprochen. Aquí está!
Zur Mittelmeer-Stadt Dénia wählen die Reyes aus dem Morgenland den idealen Weg übers Wasser – ihr Katamaran ist seetüchtig
Schöne Wesen betreten als erste valencianischen Boden
Dann erscheinen die Reyes selbst
Noch etwas ungehalten …
… und schläfrig von der langen Seefahrt vom anderen Ende des Mittelmeers
Upps, wir sind ja da
Dann – Fotograf in Sicht
Dann sogar der Alcalde
… mit seinem beträchtlichen städtischen Begrüßungskomitee (mein Frisör Paco sagt, die Stadtverwaltung um den Bürgermeister müsste halbiert werden)

Selbst der stolze Hausberg Montgó hat seine Krone aufgesetzt
Währenddessen sind die zeremoniellen Vorbereitungen in vollem Gange: Die Musikanten des Okzident …
… und die Herrschaften aus Afrika und Orient
Die Dulces stehen kübelweise bereit

Diese wunderbaren schwarzen Behältnisse werden in unterschiedlichsten Größen für alle Zwecke und Inhalte benutzt. Ob auf dem Bau, in der Landwirtschaft oder im Haushalt, für Bröselndes, Flüssiges oder Festes.
Jetzt aber heißt´s warten – die Könige am Hafen müssen in die heute nur mühsam herannahende Umzugskarawane eingefädelt werden
Genug Zeit zum Einstudieren der Gestik: Melchor hat zweifellos einen grandiosen Ausblick auf Montgó, Stadt, Hafen und Meer
Auch der Kini-gleiche Gaspar
Das Lächeln der Begleitung des Baltasar im Hintergrund macht die Wartezeit für den Fotografen erträglich.

Wehmütig denkt er an die Zeiten als Autoren im spanischen Internet, ohne irgendwelche Bestrebungen der Diversidad-Bewegung zu verletzen, erklären durften „Melchor encarnará a los europeos, Gaspar a los asiáticos y Baltasar a los africanos“.

Diese Betrachtungsweise hatte sich in Spanien im 15. Jh. durchgesetzt, zuvor spielte das Alter der Könige eine differenzierende Rolle. Heute
Es dunkelt verdächtig und der Kaspar-Kini ist immer noch in Wartestellung
Melchor también
Die Miene des Balthasar verdüstert sich
Die Wartezeit der Zielgruppen am Wegesrand zieht sich
Erwartungsfroh, geduldig und höchst diszipliniert die Schlangen links und rechts des Weges durch den sie kommen werden
Am Ende der langen Schlange steht alles bereit, auch der Mond strahlt (beinahe) in voller Größe
Dann kommt Bewegung auf
Karnevalsähnliche Vorboten des Cabalgata de Reyes Umzugs werden sichtbar
Traditionelle Stelzenläuferinnen beeindrucken
… und lächeln unermüdlich, nicht nur für den Fotografen
Rey Baltasar, jetzt endlich auf seinem Thron angekommen, erkennt den Fotografen wieder, wir haben am Hafen gemeinsam gewartet – das verbindet
Der Shootingtermin entschädigt und erfreut unzählige Familien …
... y los perros también
Dann ist der schöne Spuk vorbei, so schnell wie er langsam begonnen hat
Schön war´s wieder mal – noch ein letztes Lächeln des Orients unter lokalem Schutz
Auf dem Weg nach Hause kommen wir am ehemaligen Fischerviertel vorbei und erinnern uns an die Traditionen unserer ehemaligen Fischerstadt Dénia
Ich krame dann noch ein Foto vom Calbagata 2019 heraus
Und von 2020
Wir erinnern uns noch an die Tradition des „Roscón de Reyes“: Auf einem Kranz aus Hefeteig sitzt eine Papierkrone. Im Kuchen sind eine Königsfigur und eine Bohne eingebacken. Wer den König findet, bekommt die Krone aufgesetzt. Der Finder der Bohne muss den Kuchen bezahlen. Muy facil.
Perdon, letzte Meldung, bei Aldi España heute im Sonderangebot

Zwischenziel Lyon

Der vorausgehende Beitrag skizziert unsere Spanienfahrt im April 2022. Ein richtiger Nachzügler also. Ausreden dafür gäb´s genug. Aber wie aktueller werden?

Eine Idee: Die Rückfahrt der in den letzten Folgen dokumentierten Reise nach Spanien, das „Vuelta“ nach Ambach, überspringen und jetzt die zweite noch recht frische Spanienreise im November, dokumentieren. Sozusagen im direkten Vergleich.

Gesagt, getan! Hier diese kürzliche Reise nach Spanien.

Abschiede fallen uns immer schwer. Besonders wenn’s hinterm Haus so bairisch liebevoll zugeht.
Spätestens hinterm Titisee wird das Abschiednehmen erträglich: Der Reiserhythmus stimmt jetzt. We are on the road. Selbst den üblichen Käsekuchen beim Italiener in Todtnau lassen wir diesmal sausen.
Mit Napoleons ehrwürdigen Platanen, auch jüngeren Datums, kommt unsere Ambiance de la France auf. Und wenn wir dann noch im Wellensalat Radio Nostalgie mit seinen Chansons von Edith Piaf und Gilbert Bécaud bis France Gall und Patricia Kaas orten …
Dann noch das – wie zuhause, spätestens jetzt sagen wir Bayern, wenn auch wehmütig, adieu.
Leider hat unser Bauer die gleichen Landwirtschaftsprobleme wie die Kollegen bei uns: Mit seinen 30 Tieren kommt er gerade so hin. Plus mal que bien.
Die erste Übernachtung dann im romantischen Ornans an der Loue in der Region Bourgogne-Franche-Comté
Noch in der Nacht besuchen wir das Grab des größten Sohnes der Stadt – für Frau Jutta etwas gruselig
Am nächsten Morgen verlieren wir uns in den weiten Laub- und Kiefernwäldern. Wir suchen eine geniale Abkürzung
Morgens suche ich eine landschaftlich besonders schöne (und möglichst kurze) Route durch die noch herbstlichen typischen Laub- und Pinienwälder. Schlussendlich helfen weder Navi noch Offroader weiter.
Dieu soit loué! Wir treffen diesen freundlichen Monsieur. Er geleitet uns auf seinem Moped kilometerlang auf eine weiterführende Nebenstraße. Und HDM beschwört mal wieder die Amitié franco-allemand. Natürlich leben wir sie auch. Unsere Nachbarn merken´s.
Das urbane Frankreich hat uns wieder
Die Gelegenheit ist günstig die Salz- und Kurstadt Salins-les-Bains zu besuchen
Nach zwei drei Stunden kommt am abendlichen Horizont das ersehnte Zwischenziel Lyon in Sicht
Noch in der Nacht treibt uns die Neugier auf die zentrale Place Bellecour. Glücklicherweise haben wir schon von unterwegs ein Hotel gebucht. Es liegt günstig, Probleme macht nur das einigermaßen sichere Parken.
Anderntags erfahren wir von diesen kreativen und liebevollen Ausbesserungen schlechter Wege, Straßen und Plätze, häufig durch Fliesen
Die Presqu´île zwischen Saône und Rhône verleiht Lyon ihren Charakter, im Nordwesten liegt malerisch das Vieux Lyon
Die beiden Flüsse und ihre Brücken erschließen ständig neue Ausblicke
Über die Saône mit der Ostseite der Cathédrale Saint-Jean und der Basilique Notre-Dame-de-Fourvière auf dem Hügel im Hintergrund
Majestätische Häuser jenseits der Rhône
Der Westflügel der Kathedrale Saint-Jean im alten Lyon nahe der Saône
Das mächtige Hauptschiff aus gotischer Zeit. (Die beiden seitlichen Kapellen mir ihren Gewölben sind romanisch)
Soziales Gesehen-werden-wollen vor alten Mauern, egal ob romanisch oder gotisch
Neckisches Posing vor dem mächtigen Haupttor
… bestens beschützt von einer ebenso beeindruckenden französischen Polizeieinheit
Dann treffen wir die kleine wie wunderbare Anne. Sie führt uns stolz und kundig durch ihr Quartier, bis in einzelne Häuser hinein. Wir schlüpfen heimlich mit ihr hinein, sobald ein Bewohner die Tür öffnet. Une femme incroyable.
Eines der grandiosen Treppenhäuser zwischen zwei Gebäuden und Manufakturen aus der Hochzeit der Seidenweberstadt Lyon.

Diese Traboules sind Passagen oder Treppenhäuser, die den Durchgang von einer Straße zur anderen ermöglichen, auch durch Innenhöfe und über verschiedene Ebenen. Traboules verkürzten die Transportwege zwischen den einzelnen Seidenmanufakturen und von dort zu den Händlern. Auch vermied man den Kontakt des wertvollen Materials mit dem Regen und dem Unrat der damals noch nicht gepflasterten Straßen.
Dann die eigenständige und sorgfältig behütete Lyoner Graffiti-Kultur
Natürlich nicht ohne Küchenmotive
Les Bouchons lyonnais und deren kulinarischer Anspruch nach eigenständiger Gastronomie waren sicherlich ein ideales Umfeld für Köche wie Paul Bocuse.

Sie entstanden aus den Lokalen der „mères lyonnaises“, den ersten Köchinnen im 18. Jahrhundert. Sie hatten keine Kochausbildung und standen, bevor sie kleine Gasthäuser betrieben, im Dienst der Bourgeoisie. Ihre Positionierung: Einfache Küche mit vereinfachten Rezepten der anspruchsvollen Bourgeoisie.


Eine Spezialität ist das „tablier de boucher“, panierte Kutteln. HDM genießt in Frankreich (wie in Spanien) die diversen regionalen Zubereitungsarten dieser Innereien. In der schwäbischen Küche hat dieses Arme-Leute-Essen immer eine Rolle gespielt.

Neben diesen einfachen aber lukullischen Gerichten fasziniert die Herkunft der Namen:

Tablier de boucher heißt wörtlich Fleischerschürze! Dafür dass sich les bouchons lyonnais aus der Redewendung
mettre un bouchon à qn. (jmdm. das Maul stopfen) ableiten hat HDM bislang keinen Nachweis gefunden.


Aber Hauptsache ist es schmeckt.
Le Mur des Canuts im 4. Arrondissement Croix-Rousse ist, begonnen 1987, wohl das berühmteste Mauerkunstwerk Frankreichs. Es stellt typische Szenen des Lebens und der Seidenproduktion dieses Viertels im 19. Jh. dar.

„Réalisé par la Cité de la Création en 1987, ce mur peint qui s’étend sur une façade aveugle de 1200 m² est le plus grand d’Europe. Actualisé une première fois en 1997, il tient régulièrement compte des transformations du quartier. Les habitants représentés sur cette façade sont également vieillis. Ainsi un jeune homme qui portait son vélo a été représenté jeune papa en 1997, avec sa petite fille.
Rénovée et actualisée en 2013, elle montre un quartier vivant, entre histoire et modernité.

Ce mur peint évolutif représente le quartier de la Croix-Rousse, quartier des „Canuts“, ouvriers travaillant la soie au 19ème siècle. On y retrouve les immeubles typiques du quartiers avec leurs hautes fenêtres et leurs plafonds de 4m de haut destinés à accueillir les métiers à tisser. Plusieurs clins d’oeils à la culture lyonnaise sont également présents, comme un petit théâtre de Guignol ou les velo’v, les vélos lyonnais en libre-service.“ Quelle: france.fr

Auch wir wollen dazu gehören
Grandiose Sicht auf die Baustile Lyons … „avec du bonheur jusqu´au Mont Blanc“ sagt Anne
Die optische Spannung zwischen alten Kaminen und modernen Bauten entschädigt für den heute fehlenden Mont Blanc-Blick
Unsere Gebirgs-App liefert wenigstens den Mont Blanc-Beweis
Dann noch rein ins Treiben der Stadt: chacun à son goût
Vive la difference
Immer für ein Schwätzchen gut (faire un brin de causette)
Was für ein tolles Pärchen
Nach zwei Übernachtungen gehts weiter und wir erhaschen noch einige der für uns weniger wichtigen touristischen Attraktionen.
Hier das Musée des Confluences mit anthropologischen Inhalten
Dann immer der Rhône entlang, wenn auch nicht immer so wunderbar nah. Die Straßenführung ist, will man Autobahnen vermeiden, im Umfeld der großen Stadt nicht immer ganz einfach.
Schließlich vorbei an verblühtem Lavendel
Mittelalter pur und bestens erhalten: Besuch in Viviers an der Rhône. HDM entdeckt ein ganz besonderes Kruzifix für seine Sammlung.
Beeindruckende Canyons
Die Ardèche-Schlucht
… und der spektakuläre Durchbruch
Unterwegs geruhsam Tierisches
Nach Südwesten versuchen wir unseren französischen Lieblingsberg, den Mont Ventoux, zu orten
Wie zum Dank zeigt er sich noch bevor es dunkel wird. In seiner aus dieser Perspektive langgestrickten Form erkennen wir ihn zuerst kaum, die Kegelform ist uns vertrauter.
In Narbonne bleiben wir wieder mal über Nacht. Die alte Römerstraße ist einfacher zu finden als unser vertrautes Hotel. Nur wenige finden es, obwohl zentral gelegen und mit toller Parkmöglichkeit.

Narbonne ist ein ehemaliger Mittelmeerhafen und gehört mit seinen knapp 60.000 Einwohnern zum Département Aude in der Region Okzitanien. Historisch gehörte es zur Provinz Languedoc. Die Stadt hat Anschluss an den Canal du Midi und besitzt einen etwa vier Kilometer langen Küstenstreifen, heute Narbonne Plage.


Narbonne war die erste römische Kolonie  außerhalb Italiens. Durch Narbonne führte die Via Domitia, die erste Römerstraße in Gallien. Sie verband Italien mit den spanischen Kolonien. Das erhaltene Stück Weges vor dem Rathaus soll recht authentisch sein …
Die Cathédrale Saint-Just-et-Saint-Pasteur de Narbonne entdecken wir diesmal von allen möglichen Seiten bei Nacht
Allein im majestätischen Innenraum mit einem der höchsten Chöre Frankreichs
Das Rathaus in nächtlichem Schein
Anderntags ersteigen wir uns eines der großen Beispiele romanischer Vergangenheit: Prieuré de Serrabone
Die vielfältigen Ausdrücke der Skulpturen und dargestellten Gesichter allein wären ein Studium wert
Romanik pur, vermutlich nicht nur für uns Laien
Späte Ankunft bei Hund und Katz im pyrenäischen Kunststädtchen Céret (siehe España Ida y vuelta III)
Außer den Pyrenäen ist auch das Meer schon nah. (Die gastronomische Anrichtung der Pulpos ist allerdings nicht mehr ganz ursprünglich. Zugegebenermaßen leidet darunter der Anspruch auf Appetite Appeal -siehe Merkmale wirksamer werblicher Umsetzung).

Auf jeden Fall haben wir jetzt eine treffliche Grundlage für den morgigen, bei der letzten Reise aufgeschobenen Besuch des Musée d´Art Moderne von Céret.

Fortsetzung folgt