Steckt denn Medienmarketing immer noch in den Kinderschuhen?

Der Worte werden viel gewechselt auf Kongressen, wie auf der augenblicklichen Dmexco. Sich präsentieren ist Trumpf und Austausch macht viel Sinn. Wie aber steht´s mit den eigentlichen fachlichen Inhalten und Neuigkeiten in Zeiten des vielgelobten scheinbar neuen Content-Marketings?

Da kommen die mythologisch eingebetteten 7 Gedanken des neuen Pro7-Chefs dem sich fachlich wundernden HDM gerade recht. Wie überzeugend und einprägsam sind doch die 7 Meilenstiefel, die eben so vielen Raben, der gefräßige Wolf, das gesellige Schneewittchen und andere Wesen mit Unterstützung durch die märchenhafte Primzahl.

Auch kommen eigene Gedanken auf an das vor bald drei Jahrzehnten mit den besten Köpfen der Branche entwickelte Medienmarketing-Studium an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing (BAW).

Zu lehren dass das Marketing für die damals so genannten privaten Neuen Medien – Beispiel Pro Sieben – methodisch identisch sei mit Biermarketing war damals revolutionär. Wie zuvor Münchner Brauern zu widersprechen dass Bier kein Marketing brauche. Bier sei schließlich Bier, aus Hopfen und Malz. Luhja, sog i.

Was also bietet nun die Dmexco
zum Stand des Medienmarketings heute?

Die 7 Gedanken

Quelle: horizont.net
ad 1. „Konsumentenorientiert sein. Das klingt einfach, ist es aber in der Praxis oft nicht. Wenn man überlegt, wie man Leute glücklich macht und nicht erst über das Geld nachdenkt, kommen interessante Ideen.“

Na ja, um Leute glücklich zu machen empfiehlt die althergebrachte Marketing-Denke konkret die recht differenzierten Bedürfnisse unterschiedlichster „Leute“ zu ergründen und sie durch entsprechende Nutzenangebote zu beglücken. Gefragt sind hier weniger Ideen als die Management-Fähigkeit die für einen Sender passenden „Leute“ strategisch kreativ zu gruppieren und nachhaltig erfolgreich glücklich zu machen … über die Zielgruppenbestimmung „14 bis 49“ hinaus.

ad  2. „Von der Zukunft her entwickeln: Man muss sich zuerst überlegen, wer man in Zukunft sein will und daraus rückwärts die Schritte ableiten zur Gegenwart – nicht andersherum.“

In der Tat, Unternehmens- und Marketingziele waren eigentlich immer schon in der Zukunft angesiedelt. Allerdings kommt es nicht nur darauf an wer man sein will. Für die Weichenstellung des Unternehmens und seiner Angebote ist ungleich wichtiger wie man die Leute auch in Zukunft glücklich machen kann um selbst erfolgreich zu bleiben.

ad 3. „Strategien müssen richtig umgesetzt werden: Der Erfolg einer guten Idee hängt davon ab, dass sie richtig umgesetzt wird.“

Der Erfolg einer guten Idee hängt erst einmal davon ab, ob sie in die strategisch prioritäre Vorgabe des Unternehmens passt. Erst dann zählt die Umsetzung.

ad 4. „Nicht beharren: Der größte Hemmschuh für Transformation ist aus seiner Sicht, aus Angst das bisherige Geschäft zu gefährden, neues nicht zu entwickeln.“

Ja, Marketing ist ein kontinuierlicher Prozess (siehe „Managementprozess des Marketing“) und fordert ständige Anpassung in sich wandelnden Märkten. Transformation allerdings kann kein Ziel per se sein. Wir kommen letztlich nicht drum herum zu berechnen ob ein neues Geschäft ein immer noch erfolgreiches Bestandsgeschäft zumindest ersetzen kann.

Dazu gibt es von P&G den nützlichen Begriff Source of Business (siehe dort).

Hier fällt mir der großartige Erfolg des Newcomers Dyson ein. Ein junges Unternehmen und sein Management mit CEO Max Conze bringt den Mut auf, in einem von Bosch/Siemens dominierten und etablierten Hausgerätemarkt eine technologische Alternative zu den althergebrachten wenn auch ständig weiter entwickelten Staubsaugern einzuführen: Mit klarem USP, mutig, konsequent klotzend und nicht kleckernd, mit stolzer und überzeugender Kommunikation. Ja, dies hätte eigentlich von Bosch kommen müssen. Kein Zweifel.

ad 5. Geschäft einfach machen. Ideen sollten leicht erklärbar sein, sonst taugen sie vielleicht nicht.

Hhmm, ein bisserl Füllstoff für die 7 ?

ad 6. Risiken eingehen. Man braucht eine Fehlerkultur. Ohne die Möglichkeit auch Dinge in den Sand zu setzen, wird es nicht nach vorne gehen.

Bin persönlich mehr für die handwerkliche Erkenntnis „Wo gehobelt wird fallen auch Späne“ als für die Entwicklung einer „Fehlerkultur“ … Haben genug mit anderen „Kulturen“ zu tun und mehr oder weniger große Flops kommen wie von alleine.

ad 7. Eine Vision haben und ein Team, mit dem man sie umsetzt. „Get stuff done. Don‘t be an asshole.“

Wow, Visionen sind immer gut. Vor allem beseelt mit dem Ehrgeiz im wettbewerblichen wie im eigenen Umfeld zu brauchbaren konkreten Marketing- und Unternehmenszielen zu mutieren. Bis eine Vision die Leute glücklich macht ist allerdings ein langer und häufig dornenreicher Weg zu gehen. Den gilt´s zu überstehen. Da ist das Team auf solch starke Motivationen wie „Get stuff done. Don‘t be an asshole“ fürwahr angewiesen.

„Klarheit durch Marketing-Weisheiten“ –
hoffentlich eine nur journalistische Einschätzung?

Als anfangs der Neunzigerjahre die Neuen Medien und damit die Diskussionen nach dem „richtigen“ Marketing aufkommen frage ich einmal Georg Kofler, den ersten Pro7-Chef, nach seiner Erfolgsstrategie. Er habe gar keine antwortet der tirolerisch verschmitzt. Und in der Tat, Intuition und kompetentes zielgerichtetes Judgement können in einem neu entstehenden Markt erfolgreicher sein als vages Pseudostrategiegehabe. Jedoch dann und nur dann – wie der Mathematiker so treffend sagt. In entwickelten Märkten ist solches Tun wenig erfolgversprechend.

Noch ein bisserl RETRO:
Zum Dozententeam des BAW-Medienmarketing-Studiums
mit Wolf-Dieter Ring (BLM) gehörte auch Günther Jauch,
damals beliebter Radio-Protagonist

Beinahe wie Pro7´s Young Sheldon … pardon lieber Herr Jauch – Foto: BAW

Und hier noch eine kleine persönliche Anekdote zum finanzierenden Werbeanteil von Pro7 – wohlgemerkt meinem  emotional favorisierten Sender seit BAW- und Kofler-Zeiten. Im letzten Jahr mutiert er für mich jedoch zum „wir-kaufen-dein-auto.de-Sender“. Ein brutales und dominierendes „over-exposure“ dieser aggressiven Werbung mit dem Ziel Bekanntheit für die neue Marke zu schaffen ist die Ursache. Auch das Gespräch mit einem verständlicherweise werbeeinnahmenorientierten Vorstandsmitglied nutzte erwartungsgemäß nichts –  oder vielleicht doch?

Die Erlösung kommt unverhofft: Der Autokäufer wechselt nach dem brüllenden „brand-introduction“ Modus mit zwei sensibel konzipierten neuen TV-Spots  in den „going-advertising-support“ Modus. Trotz anhaltend überzogener „opportunity-to-see“ – HDM kann sich am Ehemann und Chauffeur der feinfühlig vorenthaltenen Orientierungsfrau Monika kaum satt sehen: Casting, Schauspiel und Produktion hervorragend! Ohne Übertreibung. Respekt. Schauen Sie mal rein. In den Werbeblock von Pro7.

Quelle:

https://www.horizont.net/medien/nachrichten/erster-auftritt-die-vier-beobachtungen-und-sieben-gedanken-von-p7s1-chef-max-conze-169663?utm_source=%2Fmeta%2Fnewsflash%2Fnewsflash&utm_medium=newsletter&utm_campaign=nl31122&utm_term=e17184bcb70dcf3942c54e0b537ffc6d

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